Leiterin im Bücherbergwerk

21. Mai 2019

7 Fragen an Roberta Winterberg, Leiterin des Bücherbergwerks des SAH Bern

Roberta Winterberg ist gelernte Buchhändlerin und Arbeitsagogin. Sie erzählt im Inter-view, wie das Bücherbergwerk entstand, wie es bei der beruflichen (Re-)Integration unterstützen kann und was sie unter Erfolg versteht.

1. Wieso betreibt das SAH Bern ein Bücherantiquariat?
Das Verkaufen von Büchern ist nur Mittel zum Zweck. Das Ziel des Bücherbergwerks ist die soziale und berufliche Integration von jungen Erwachsenen und Langzeitarbeits-losen.

2. Wie kamen Sie zum Bücherbergwerk ?
Das SAH Bern übernahm 2010 Heinrich Rohrers Büchermärit mit der Idee, ein Integrationsprogramm für junge Erwachsene zu entwickeln. Und so kam ich ins Spiel. Im Rahmen meiner Ausbildung als Arbeitsagogin war ich damals auf der Suche nach einer Teilzeitstelle im sozialen Bereich und meldete mich beim SAH Bern. Als gelernte Buchhändlerin war die Stelle im Bücherbergwerk wie gemacht für mich. Dadurch bekam ich die Möglichkeit, das ganze Projekt mit aufzubauen und im Februar 2011 zu lancieren. Nach drei Jahren Projektphase wurde das Bücherbergwerk zu einem festen Bestandteil des beruflichen Angebots der Sozialhilfe.

3. Wer arbeitet im Bücherbergwerk?
Unsere Zielgruppe sind junge Erwachsene ab 16 Jahren und Langzeitarbeitslose, die bei den Sozialdiensten oder Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) gemeldet sind. Wenn der Sozialdienst denkt, dass ein Praxiseinsatz im Bücherbergwerk passen würde, erfolgt ein Erstgespräch mit der Abteilung Aufnahme des SAH Bern. Im Anschluss er-halten wir eine Anmeldung, die immer mit Schnuppern verbunden ist – für junge Erwachsene sind es acht Tage, für Erwachsene drei bis fünf. Beim Schnuppern merkt man schnell, ob jemand motiviert ist. In der Regel sind 10 bis 15 Personen im Bücherbergwerk tätig.

4. Was sind die Angebote des Bücherbergwerks und deren Ziele?
Für die jungen Erwachsenen haben wir das Angebot «Berufliche Integration mit Per-spektive». Die Teilnehmenden arbeiten zwischen 50-80% im Bücherbergwerk und haben einen Tag zur Verfügung, um sich weiterzubilden. Das ist der sogenannte Bildungstag. Das Hauptziel ist, dass sie am Schluss ihres Praxiseinsatzes eine Lehrstelle antreten können und/oder fit sind für den ersten Arbeitsmarkt.
Das Angebot «Soziale Integration» für Langzeitarbeitslose setzt sich primär zum Ziel, die Teilnehmenden durch eine Tagesstruktur zu stabilisieren und ihnen wieder soziale Kontakte zu ermöglichen.

5. Was muss eine junge Person mitbringen, um beim Bücherbergwerk zu arbeiten?
Eine Grundvoraussetzung für die Arbeit im Bücherbergwerk sind gute Deutschkenntnis-se. Viele, die zu uns kommen, müssen zuerst an den Grundkompetenzen arbeiten. Wichtig ist zum Beispiel, dass die Teilnehmenden überhaupt kommen oder dass sie sich abmelden, wenn sie verhindert sind. Wir erwarten, dass sie sich telefonisch abmelden, wenn sie krank sind und nicht kommen können. Viele müssen zuerst an diesen Themen arbeiten. Es bringt nichts, jemandem eine Lehre zu organisieren, wenn er dann nicht zur Arbeit erscheint.

6. Was bedeutet für Sie Erfolg in Bezug auf Ihre Arbeit?
Erfolg hat für mich verschiedene Bedeutungen. Im Bücherbergwerk gibt es kleine tägliche Erfolge, die unseren Teilnehmenden Mut machen. Wie zum Beispiel jemand, der durch den Einsatz im Bücherbergwerk wieder eine Tagesstruktur erlangt und sein Leben meistern kann. Schön ist, wenn wir junge Erwachsene wie Emine Memis haben, die nach ihrer Zeit im Bücherbergwerk wieder eine Lehrstelle haben.

Ich persönlich bin sehr stolz, dass ich dieses Programm aufbauen konnte. In den neun Jahren, die ich nun im Bücherbergwerk arbeite, habe ich sicher 200 junge Erwachsene betreut, die schnuppern kamen. Und fast alle, die hier arbeiten, kommen gerne und identifizieren sich rasch mit dem Betrieb. Ich habe selten schlechte Rückmeldungen erhalten. Es erfüllt mich mit Freude, wenn sich ehemalige Teilnehmende bei mir bedanken und mir sagen, dass ich ihnen viel mitgeben konnte. Das ist für mich Erfolg.

7. Und noch eine letzte Frage: Was ist Ihr Lieblingsbuch?
Ich mag die Romane von Haruki Murakami. Aber ich bin vor allem ein grosser Comic-Fan. Eines der Bücher, das mich sehr berührt hat, ist das Comic-Epos «Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens» von Ulli Lust.